Laudatio für Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026

Sascha Garzetti
25. Januar 2026

I

Liebe Barbara Hundegger, liebe Damen und Herren

Lauchzwiebel, laudabel, Laudanum, Laudatio: im Rahmen eines Festakts gehaltene feierliche Rede, in der jemandes Leistungen und Verdienste gewürdigt werden. Kein Wort über das eigentliche Problem: Dass es kein Sprechen über Kunst geben kann, dass dieser gerecht werden, sie auch nur berühren könnte.

Das Sprechen über etwas ist eine wunderliche Sache. Das hat mit der Sprache zu tun. Sprache erzählt immer von dem, was sie nicht ist. Von dem, was nicht da ist. Daraus erwachsen ihr aber auch Möglichkeiten. Denn: Sie ist ja da. Und das eine – ein Zeichen, ein Laut – hat mit dem anderen – den Bedeutungen, dem Kräuseln in den Synapsen – zu tun, ist mit ihm wie über einen feinen Faden verbunden – und über noch einen und noch einen. Zieht man im Bild nun – ausgehend von den Wörtern – Faden um Faden ein, so entsteht allmählich etwas, was ich einen Text nennen möchte: einander Zugewandtes, miteinander Verbundenes, ineinander Verwobenes. Darum soll es hier gehen.

Es gehört zu den Eigenheiten einer Preisverleihung, dass die Preisträgerin im besten Fall vor Ort ist und etwas macht, zeigt, sagt, liest, singt, das sich nicht neben das Sprechen über etwas gesellen, sondern sich davor stellen kann.

Aber wie die Zeit überbrücken?

Es gibt unzählige Wege, die Würdigung einer Autorin anzuzetteln.

Es gibt das leere Blatt, auf das man ein Wort setzt, als wäre es ein erstes: Vorher war nichts, nachher ist da ein Wort. Darauf könnte man sich etwas einbilden.

Gegenperspektive: Es gibt unzählige Wörter, die man abzutragen, fortzuschlagen, abzuschleifen, wegzuschreiben versucht, bis etwas übrig bleibt. Die Arbeit Barbara Hundeggers gleicht denn auch der einer Holz- oder Steinbildhauerin. Ihre Gedichte sprechen nicht von und über Themen, vielmehr legen sie diese offen, ja sprechen aus diesen heraus. Und sie sprechen aus der Sprache heraus. Denn:

«In der Sprache ist ja alles schon da.»

Aber wie die Zeit überbrücken?

Sich beispielsweise ein Wort bei der Autorin leihen: «[F]ür mich ist Lyrik auch das hochgradige Bewusstsein davon, dass Sprache und Wörter nicht beliebig abrufbar sind, um nur den eigenen inneren schönen Plan zu erfüllen oder zu dekorieren, sondern dass Sprache und Wörter ein einschüchternd starkes Eigenleben mitbringen, das sich nur dann produktiv nutzen lässt, wenn man es respektiert, also die Verästelungen und Vergangenheiten und Gewichte und Entgleisungen usw. der Wörter sowie andere Eigenheiten des Materials nicht ignoriert. Dichter/innen werden ja ganz gern als Beherrscher/innen der Sprache beschrieben, aber mir erscheint diese Herrschaftsdiktion fragwürdig und paternalistisch, denn Sprache ist ein so mächtiges Material und weiss sich durchzusetzen, selbstverständlich auch gegen mich – und die Sprache ist klüger als ich.»

II

aufschirren, Aufschlag, Aufschlagball, aufschlagen: im Fall hart auftreffen, aufprallen; durch einen oder mehrere Schläge öffnen; den Ball zur Eröffnung des Spiels über das Netz schlagen; sich mit einer heftigen Bewegung bis zum Anschlag öffnen; ein oder mehrere Blätter eines Druck-Erzeugnisses zur Seite schlagen, sodass eine oder zwei Seiten darin offen daliegen; durch Aufheben der Lider öffnen; nach aussen umschlagen; durch Zusammenfügen der Teile aufstellen; auflodern; erhöhen, heraufsetzen; irgendwo erscheinen, ankommen.

Beim ersten Gedicht beispielsweise, der ersten Strophe:

  • wir stehn noch auf ein
  • zwei beinen, wir atmen und
  • schwatzen von lust. bis in die
  • träume fehlt es an scheinen. und
  • keine will was von brust-
  • schwund hören.

Die Strophe weist voraus, setzt erste Inhalte, einen Ton – von vielen. Von hier an: Gedichte, die immerzu das Verwobensein des Subjektiven mit dem Gesellschaftspolitischen offenlegen – um selbst den nächsten Faden einzuziehen. Eine Sprache, die auf sich selbst und die Dinge zuhält, die das Bild, den Bruch, den Klang, den Rhythmus sucht, sodass es einen zu jedem Wort zieht, man immer tiefer in die unter diesen Versen liegenden Schichten hinabgerät.

Die poetische Präzision, die Alltägliches erfasst, scheint in «desto leichter die mädchen und alles andre als das» noch stärker gebrochen bis auf das Wort. Von diesem ausgehend die Verästelungen nach allen Richtungen:

  • desto schwerer die schuhe wir
  • machten uns auf holen was uns
  • gehört: sterne echtes wie
  • rätsel und die noch warm
  • ernst von der frage die
  • wirklich wer stellte eine
  • der anderen wir uns oder
  • sich flugzettel sind da
  • blattweise desto leichter
  • die mädchen und alles
  • andre als das

Bisweilen erzeugen die Gedichte das Paradoxon eines rhythmischen Stotterns, das zu noch mehr Präzision führt, weil es ein Heranzoomen ist: Ein Wort kann angebunden sein an ein letztes oder ein nächstes oder stehen wollen für sich. Die Zeilensprünge bei Hundegger sind Sprünge ins Ungewisse. Man liest und ja: liefert sich aus. Und Anbinden heisst auch: Zusammensetzen der Wörter: trommelrose, stachelblitz, mittagsbeschauchlichkeitswahnsinn, entwusstheitsflehen, geistergeplänkel, zwinkersucht. Man nimmt die Gedichte beim Wort.

Oder stellen Sie sich vor, Sie reisen für einen Schreibaufenthalt nach Rom – und am Abend vor Ihrer Abreise verstirbt der Papst:

  • timing du in rom und sedisvacanza
  • vaterherrenpapstlos zwischenatemzeit.

Man kann sich vieles vorstellen – ausser den Zufall. Aus diesem Zwischenraum, der sich von allen Seiten alsbald zu füllen beginnt, schöpft die Autorin im Gedichtzyklus rom sehen und, hängt Bericht, Schilderung, Zeitungsluft, durch die Sprache herausgearbeitete Impressionen, Beobachtungen, Begebenheiten selbst kleinster Art, das Nachdenken über die «innere Fracht» ineinander. Was tun, wenn man morgens zum Kaffee eine Zeitung braucht, in deutscher Sprache aber nur die «Bild» aufliegt? Die «Bild» lesen? Ja, sich dafür aber entschädigen: Alles durch die Sprache sickern lassen, die Sprache durch alles – also auch durch sich selbst – und sehen, was geschieht, wenn nebeneinander gesetzt und ineinander verwoben wird, was sich sonst kaum berührt. Die Provokation nicht als Geste, sondern als Versuchungsanordnung, die Hallräume schafft.

III

Dompredigerin, Domprobst, Dompteur, Dompteurin: weibliche Person, die wilde Tiere für Vorführungen dressiert.

Als Vorarbeit für den Gedichtband schreibennichtschreiben las Barbara Hundegger den Duden von A bis Z durch: «eine der spannendsten Lektüren» ihres Lebens. Der Band setzt mit einem Prosa-Intro ein, das den Themenbereich des Schreibens an- und aufreisst, aber auch den Schreib- und Literaturbetrieb in pragmatischer Weise reflektiert: «preise und deren verleihungen – problematische momente literarischen daseins: wer gründlich schreibend den verhältnissen nachgeht, entwickelt ja logisch eine zurückhaltende haltung zur macht.» Hundegger schreibt schonungslos und pointiert, um dennoch oder gerade deswegen tröstlich zu bleiben, in Trostvolles zu münden von Z nach A: «anfänglich: die einsamkeit von etwas, in dem du dir erscheinst. die ahnungen, die dich daheim suchten. – glücke, spätnachts. bestürzungen, mitten am tag. – die lichtspiele, wenn dir was dämmert. der dunkle ernst, der dir erhellt, dass du auch nur geblendet bist. – das viele-schriftarten-sein in deinen schriften. das schriftlich eins-sein mit dem, was deiner handschrift doch gelang. Anfänglich war es nicht abzusehen, dass das bei dir bleibt.» Der Gedicht-Teil verbindet aus Nomen und Partizip II-Formen gebildete und gelistete Wendungen mit Gedichten, die aus diesem Material hervorgehen und deren Titel aus Nomen und Infinitiv-Formen gebildet sind. Die Titel wie kleine Türschwellen, darauf beinahe unmerklich ein Innehalten, ehe man in die Verse einfädelt:

  • drähte kappen: schon es kommt glück auf in dir von
  • einem seine zigfach wendigen wesen
  • kühn jonglierenden satz du dompteur
  • dompteuse je nach gegen lage fall
  • doch schon kommt ein unglück nach
  • aus denselben wörtern sagt es säumig
  • seinen preis den menschlichen entzug

Im Band «wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded» überträgt Barbara Hundegger die Themen aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» in die Gegenwart. Da steht der Dichter wie verknotet am Läuterungsberg:

  • dieser berg hat keine strafe die
  • bitterer wäre als: im gehen den
  • knoten deiner schulden nicht zu
  • lösen | als oben elend übersäuert
  • statt im strahlend himmelfreien
  • im drückend gipfelinneren zur
  • selbstschau gezwungen zu sein:
  • auf folgen deines größten fehlers
  • und worüber du nicht sprichst |
  • ehrlich: grandios wird das nicht.

Die Gedichte sprechen eine Gegensprache, als ein vehementes Ansprechen gegen etwas, aber auch als ein Anlehnen an etwas und jemanden. Es gibt die Kritik an der Macht, ja an allem, was von Kanzeln, Thronen, Podien, Manageretagen herunterspricht. Es gibt aber auch die radikale Zugewandtheit allem gegenüber, zu dem die Sprache kommt – und immer wieder diesen feinzüngigen Humor. Es ist das stetige Ausmachen des einen im anderen, das Einweben des einen in das andere, also das Ausfindigmachen, Benennen und Anlegen von Bezügen, Kontrasten, Texturen – selbst in Hanglage –, das diese Gedichte auszeichnet – und über die Dante in die Gegenwart steigt:

  • von dem was wir säten blieb: ihnen das
  • heu | selbst das stroh: nahmen sie | wie
  • das wasser: in pet-flaschen grub man es
  • uns ab | uns ließ man als ernte: den staub

IV

Streiferei, streifig, Streifjagd, Streiflicht: Licht, das [als schmaler Streifen] nur kurz irgendwo sichtbar wird, irgendwo auftrifft, über etwas hinhuscht; kurze, erhellende Darlegung.

Der Band [anich.atmosphären.atlas] ist dem 1723 in Oberpfuss (Tirol) geborenen Bauern und Kartographen Peter Anich gewidmet. Nach dem Tod des Vaters bildete sich Anich mathematisch und astronomisch weiter und machte solcherlei Fortschritte, dass er den Auftrag erhielt, für die Universität einen Himmelsglobus mit einem Durchmesser von einem Meter anzufertigen. Später fertigte Anich in kürzester Zeit eine Landkarte, die zwei Drittel des heutigen Nordtirols umfasst. Den Druck des «Atlas Tyrolensis», der genauesten Karte ihrer Zeit, die 1774 erschien, erlebte er nicht mehr. Die Arbeit war körperlich und geistig über alle Massen zehrend. Von heftigem Sumpffieber befallen, verstarb Anich 1766 an den Folgen eines Schlaganfalls.

  • ein bauer: er näherte sich
  • den sternen des weltalls |
  • und von einem birnbaum
  • aus: sie greifen nach ihm

So setzt Barbara Hundegger Peter Anich, den Bauern und «meister der mechanischen künste», ins Bild, auf einen Ast, unter die Sterne. Hier – in und zwischen die Zeilen gebettet – kann man ihn sich trotz aller Gewichte, von denen wir im Verlauf der Lektüre erfahren, leicht vorstellen. Die Autorin gibt einem eine Stimme, der zwar gesehen wurde, bei dem das Aber aber so schwer wog, wie die zuvor erwähnten Gewichte.

Im letzten Gedicht des Bandes heisst es:

  • dein ende: nichts sehen nichts
  • hören | der ganze körper: taub | und gegen
  • abend im garten |wohin man dich brachte:
  • wüste krämpfe bei dem birnbaum wo dein
  • hang begann | die sterne: prächtig | deiner:
  • 43 geworden | ach anich: es ist aus | großer
  • wagen kleiner wagen fahren beide vor dich
  • zu holen | und du: steigst in den kleinen ein

Barbara Hundegger reichen wenige Wörter, wenige Zeilen, um in Streiflichtern das Porträt eines Menschen zu entwerfen, etwas davon ein- und aufzufangen. Man liest es und will sich aufs Bein schlagen.

Eine Sache zu vermessen, zu durchdringen, heisst auch: durch sie hindurchzudringen zu etwas, was dahinter liegt, was es auch noch gibt. So weist «[anich.atmosphären.atlas]» über das Leben Peter Anichs, über das Tirol hinaus, indem es Strukturen offenlegt: Ein Mensch wird zerrieben zwischen Herkunft und sozialer Klasse, Wünschen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, Pflichten und Anforderungen von oben. Das Durchmessen über die Biografie und den geografischen Raum hinaus geht in den Köpfen der Leser*innen weiter. Durch die sprachliche Gestaltung, den Ton, den Rhythmus, durch den diese Texte aufgespannt, gestützt, getragen werden, wächst der Raum ins Unermessliche.

In Ihrem letzten Band mit dem Titel «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]» behandelt Barbara Hundegger die Corona-Pandemie, lotet Hörweiten und -tiefen aus, legt einen Katalog der Angst an, geht dem individuellen Erinnern der Überlebenden der Shoah und ihrer Nachfahren nach, fächert ein Motetten-Kabinett zu Textquellen bei Bach auf, entwirft das berührende Porträt einer Häuslerin, der tant’, widmet jedem der 55 Kilometer des Brennertunnels einen Dreizeiler – das macht sie wirklich –, sprüht Lebensregelnnebel, bis er sich lichtet und etwas sich mit ihm, indem sie Redewendungen und Sprichwörter dreht und wendet, dass kein Wort beim anderen bleibt, und schliesst mit Gedichten für und an Kinder. Im zyklischen Arbeiten potenziert sich die Wirkung der Gedichte entgegen der Logik in der Summe, wenn sie über ihre jeweiligen Grenzen hinaus mit dem Nachbarinnen-, dem Nachbarinnennachbarinnen-Gedicht Zwiesprache halten, aber auch über die Zyklen hinaus und hinweg, an deren Enden und Anfängen weitersprechend, einen Faden unscheinbar spinnend oder aufgreifend, das eine an das andere knüpfen.

V

Haltung: Art und Weise, besonders beim Stehen, Gehen oder Sitzen, den Körper, besonders das Rückgrat, zu halten; Körperhaltung; innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird; Beherrschtheit, innere Fassung; Tierhaltung.

Und wenn jemand fragte: «Worum geht es wirklich?»

Barbara Hundeggers Gedichte greifen verdichtend aus – und klammern ein. Es ist, als ob die Gedichte unzählige Stimmen hätten, die sie weitergeben: an diejenigen, die zu selten gesehen oder gehört werden. Hundegger erschreibt eine Poesie der radikalen Zugewandtheit: den Menschen wie den Dingen gegenüber, die in die Gedichte aufgenommen werden: «an jemandes/seite auf der seite stehen wo der mensch das herz/hat», heisst es einmal. Zugleich prangern und klagen die Texte an, sind in der kritischen Offenlegung von Missständen jedweder Art unmissverständlich, ohne je den lyrischen Ton abzulegen. Barbara Hundegger schreibt aus der Sprache herausgearbeitete, alles durchdringende Kleinstkunstwerke.

  • schönrechnungsart: wie schwer der
  • halbe mantel denen wiegt die er vor
  • not bewahrt | rechnungsart: ja wie
  • viele mäntel denn noch der schon
  • hat der davon groß den halben gibt

Das hat mit Haltung zu tun.

«Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die uns umgeben und bestimmen – Armutsfragen, Minderheitenfragen, Geschlechtergerechtigkeitsfragen, Marktfragen, Medienfragen, Mechanismen und Dynamiken der Macht auch in demokratischen Systemen usw. – ist [...] eine Quelle literarischer Ungenauigkeit und der Überantwortung politischer Zustände in die Zuständigkeit des und der Einzelnen.»

Ich kannte erst einige verstreute Gedichte Barbara Hundeggers, als ich sie als Moderatorin erleben konnte. Ich dachte: Das wird nicht allen passen. Die Auftakterin nicht als Wohlfühl-Vorband, stattdessen ein Ausloten bis ins Verwinkeltste, ein Auffalten, das dazu führen kann, dass die Gedichte im Anschluss einen schweren Stand zu haben scheinen. Aber Gedichte können sich nicht fürchten. Und es geht nicht um eine Inpflichtnahme der Wörter, vielmehr um die Verpflichtung der Autorin, sich selbst, einem Gegenüber, der Sache und der Sprache gegenüber – der fremden wie der eigenen. Auch das hat mit Zugewandtheit zu tun.

Und mit Haltung.

«Grundsätzlich gilt, dass die Texte, die ich produziere, in ihrer Gesamtheit den Anspruch verfolgen, sich in durchdachter Weise sprachlich und gesellschaftspolitisch komplex mit den je relevanten Themen, Spiel-Orten, Sprachfeldern usw. literarisch auseinanderzusetzen und aus dieser Sprach- und Wahrnehmungsarbeit so konzentrierte wie berührende lyrische Gebilde entstehen zu lassen, die das weithin Unterschätzte an Gedichten, jenseits verstaubter Erwartungen oder Zuschreibungen und in Opposition zur Randexistenz von Lyrik innerhalb des Literaturmarkts, emotional und intellektuell lesbar, hörbar, erfahr- und erfassbar zu machen.» Das heisst auch: Gedichte in den öffentlichen Raum zu tragen. Und wenn die Acryl-Platten so gross sind, dass sie gerade noch so ins Auto passen, kann das in den Rücken gehen. Irgendwie hat auch das mit Haltung zu tun. Den Public-Poetry-Projekten wäre ein eigenes Kapitel zu widmen.

Ein literarischer Text ist aus Wörtern gemacht. Wenn man sie nebeneinander und untereinander aufreiht, es schafft, Bezüge zwischen selbigen herbeizuschreiben, kann ein Gerüst entstehen – Gedichte beginnen immer als Baustellen. Es gibt aber Texte, die wirken, als stünde einem ein Mensch gegenüber. In ihrem Innern klirrt es nicht, wie wenn Metall auf Metall schlägt. Sie haben ein Skelett, eine Wirbelsäule, ein Rückgrat: Haltung eben. Und es schlägt ein Herz nach draussen.

«Womit ich mich in meiner Lyrik-Arbeit die ganze Zeit befasse: mit der prekären Balance von Wörtern, ihren Bedeutungen, Schatten, ihrem Gewicht, ihrem Licht, um daraus Kleinstgesamtkunstwerke zu erschaffen – und wenn das gelingt, wenn es das hat, das Gedicht, was es dazu braucht, und wenn es (sich) das leistet, gleichzeitig poetisch, politisch und persönlich zu sein, dann ist es ein in sich und mit der Welt in schneidiger Schwebe austariertes Buchstaben-Kunst-Ding von erstaunlichem Gehalt.»

Zu sagen, nichts sei vor Barbara Hundeggers sprachlichem Zugriff sicher, griffe zu kurz. Was ist das für ein Zugriff? Man denkt an die Bewegung der Finger, die fester greifen, wieder loslassen, noch einmal zugreifen, sieht eher aber ein Pulsieren vor sich, spürt, wie diesen Gedichten der Puls geht. Und vielleicht ist alles, was in diesen Texten zur Sprache kommt oder zu dem die Sprache kommt, gerade das: aufgehoben, zu sich genommen, getragen.

Ja, Barbara Hundeggers Gedichte erzählen etwas. Gerade die Gedichtzyklen erzählen sogar viel. Doch selbst dort, wo sie viel erzählen, breiten und erzählen sie nie aus. Stattdessen arbeiten die Gedichte mit Leerstellen, also mit Luft, lassen Raum, ihrem Nachhall nachzuhören. Der eigentliche Text entsteht durch diesen erweiterten Hallraum. Das heisst: die Leser*innen nicht ausschliessen, sie ernst nehmen. Und ja, auch das hat mit Haltung zu tun.

Die Auslassung in literarischen Texten ist anfällig für den Bluff. Wo nichts steht, entsteht nicht zwingend Tiefgang. Barbara Hundegger aber schreibt nicht nichts, sondern immer so viel, wie nötig ist. Denn: «Was in einem Gedicht steht, steht nicht – zwecks Deutung oftmals bemüht – 'zwischen den Zeilen', sondern in seinen Zeilen, wer in die Zeilen nichts hineinschreibt, darf sich nicht wundern, dass sich daraus nichts herauslesen lässt und auch zwischen den Zeilen nichts steht.» Reduktion und Verdichtung sind immer der Klarheit verpflichtet, «denn die Schwebe, Mehrdeutigkeit, Offenheit eines Textes entsteht durch Genauigkeit und nicht durch Vernebelung.»

Wie das Gewicht einer Sache, deren sich ein Gedicht annimmt, in demselben erscheint, wird zuvorderst durch die Form, also die Sprache mitbestimmt. Die Sprache des Gedichts spottet dabei der Physik, wird es doch paradoxerweise in der Verdichtung leicht. Es zieht sich nicht zusammen, verschliesst sich nicht, sondern macht sich auf, hebt ab. Und es kann aufgehen in einem – über den Klang, den Rhythmus, den Sound.

  • stirnen bieten: in dem schrägen licht des spätnachmittags
  • staubwild durch dein fenster bricht in dem
  • regenbogenstreifen den die spiegelkante als
  • spektralstrahl über deinen schreibtisch wirft
  • im zigarettennebel den deine herkunft deine
  • zukunft um dich legt übersetzt sich etwas in
  • schwerkraftlose wörter von kuriosem gewicht
  • von beträchtlicher größe je näher sie kommen
  • umso mehr als nähmen gezeiten projektionen
  • lawinen plakate aus dem weltall kurs auf dich

Im Film «Dead Poets Society» gibt es eine Szene, in der ein Schüler aus dem fiktiven literaturwissenschaftlichen Werk «Poesie verstehen» vorliest. Die Grösse eines Gedichts – so behauptet die Einleitung – lasse sich berechnen, indem man dessen sprachliche Perfektion, die sich ihrerseits insbesondere an der Verwendung metrischer Mittel bemessen lasse, auf der x-Achse vermerke, während man die Bedeutung des Gedichts auf der y-Achse festhalte. Die ermittelte Fläche bilde die Qualität eines Gedichts ab. Das ist natürlich Unsinn. Und so bittet Robin Williams die Schüler denn auch, die entsprechende Seite herauszureissen.

Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist. Wie oft man aus dem Stuhl springt und ins Nebenzimmer rennt, um seinen Liebsten ein Gedicht oder einen Vers daraus vorzulesen, auch wenn der dreijährige Sohn jedes Mal ruft: «Papa, ned immer rede!» Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie gross seine Fähigkeit ist, Atem zu holen, auf dass es gross und immer grösser wird, wenn man es wieder und wieder liest. Ihre Gedichte, liebe Barbara Hundegger, wachsen im Lesen ins Unermessliche.

Wenige Stunden, bevor die Geburt meines zweiten Sohnes losging, schrieben Sie mir: «kinder sind ja die nettesten menschen überhaupt auf der welt.» Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet. Über Kinder zu schreiben ist dem Schreiben über Gedichte verwandt – was soll man sagen? Es gibts nichts mehr zu überbrücken.

Ihre Nachricht schloss mit der Bitte, ja der Aufforderung, das Leben zu feiern.

Heute, liebe Barbara Hundegger, feiern wir Sie und Ihre Gedichte. Ab morgen wieder das Leben.

Herzliche Gratulation.

Sascha Garzetti (*1986) studierte Germanistik, Geschichte und Skandinavistik an der Universität Zürich. Er unterrichtet Deutsch an einem Gymnasium sowie Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa und ist u. a. Teil des Projekts «Einsames Begräbnis». Zuletzt erschien der Gedichtband «Mund und Amselfloh» (Wolfbach 2018).

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Grab

Sascha Garzetti
24. Januar 2026
  • für Conrad

  • An den Ahornzweigen
  • blüht der Schnee.

  • Die ausgerissene Blume
  • in der Hand.

  • Dein Name im Stein.
  • Die Zunge unter dem Moos.

  • Ich rufe die Wörter
  • in den Satz,

  • bis nichts bleibt,
  • nicht der Haselstrauch,

  • nicht die Mehlbeere
  • mit den Sperlingen darin,

  • nicht die Thujahecke
  • gegen den Lärm

  • und für niemanden
  • ein Grab.
Sascha Garzetti (*1986) studierte Germanistik, Geschichte und Skandinavistik an der Universität Zürich. Er unterrichtet Deutsch an einem Gymnasium sowie Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa und ist u. a. Teil des Projekts «Einsames Begräbnis». Zuletzt erschien der Gedichtband «Mund und Amselfloh» (Wolfbach 2018).

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mittwoch, 21. januar

Judith Keller
23. Januar 2026
  • ich befand mich in einer höhle
  • es war meine stirnhöhle ein hochdruckgebiet
  • mein kopf schmerzte
  • anscheinend war ich unter druck
  • als ich meine kinder sah
  • eines zog am kabel einen lautsprecher hinter sich her
  • das andere stürzte sich auf das rohr des staubsaugers
  • durch ein anderes rohr
  • telefonierte ich mit trump
  • ich nutzte die gelegenheit
  • mein deal: du trittst zurück und machst alles rückgängig und besser
  • arschloch!
  • dafür bringe ich dich nicht um
  • dann schmetterte ich das rohr gegen die wand
  • dann nahm ich es wieder auf
  • es war ein auspuff
  • und wanderte damit
  • es wie ein fernrohr benutzend
  • nach davos
  • da bin ich jetzt
  • von weitem seh ich ihn aus dem flugzeug steigen
  • ich halte mich an deals
  • und drücke nicht ab
  • dennoch schiessen flammen daraus hervor
  • da haben wir den salat
  • es tropft in meiner höhle
  • ich lösche damit den brand
  • alles höre ich von fern
  • und streiche über die haare
  • meiner zwillinge
  • wie über farn
Judith Keller (*1985), geboren in Lachen, studierte Literarisches Schreiben in Biel und Leipzig sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotá. Ihr Roman «Wilde Manöver» (Luchterhand 2023) wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2024 ausgezeichnet. Im September 2023 erschien ihr Band mit Kürzesttexten «Ein Tag für alle» (Der gesunde Menschenversand). Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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Hier wurde beinahe alles gemessen ...

Claudia Gabler
22. Januar 2026
  • Hier wurde beinah alles gemessen, was
  • bislang verwildert war. Selbst unfertige Farbflächen
  • setzten sich auf den Feldern ab.

  • Dieses Bild hatte viele Räume mit einer einzigen
  • Frage, doch ob das ein echtes Kind war,
  • war von hier drüben

  • schwer einzuschätzen. Metropolen gewannen im
  • Kurs, aber dann ging einer mit Metalldetektoren
  • in den Wald.

  • Seine Absicht war rein religiös und ich sah, wie
  • sich ihre heiligen Ichs entspannten
  • im Schatten der Tannen,

  • die Muster der Zapfen unter ihren Rücken,
  • der Rhythmus der Depressionen und überall
  • Nadeln, an ihren Füßen

  • und in ihren Taschen überall Nadeln und
  • schließlich das Rufen der Hirsche
  • nach Schlaf.

  • (nach Neo Rauch)
Claudia Gabler (*1970) schreibt Lyrik und Hörspiele und lebt im Schwarzwald. Sie hat Publizistik und Theaterwissenschaft in Berlin studiert. Neben ihrer Arbeit für den Rundfunk kuratiert sie Kulturveranstaltungen und gibt Schreibkurse. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, u. a. 2020 den Kurt-Sigel-Lyrikpreis des deutschen PEN. Zuletzt erschien ihr dritter Gedichtband «Vom Aufblühen in Vasen» (Verlagshaus Berlin 2021).

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Welkungen Wellungen

Julia Rüegger
Valerie-Katharina Meyer
21. Januar 2026

I

  • Wie gelingt ein Hochklettern an den Rändern der Kumuluswolke Kummerwolke?

  • Wo beginnt das Dösen des Nachmittags?

  • Entsteht aus dem Wachstum von Efeu Frische?

II

  • Ich suche nach Ablenkungen, nach kleinräumigem Trost in einer Aprikose, einer extra-halben Stunde Schlummer, dem Verlassen der genormten Wege, dem Vervielfältigen der inneren Kartografie.

  • Ich suche nach Taube und nach Tante und nach beweglicher Nacht.

III

  • Wonach ich mich sehne: Nach Sätzen, die lang genug sind, ohne Längen in sich zu tragen. Nach eifrigem Vogelschritt unter dem Baum. Nach mehr Aufmerksamkeit gegenüber dem Farbenspektrum, auch was Gefühle betrifft.

  • Nach Tagen, die ganz ohne Vorsätze auskommen, leicht wie der Tauchgang eines Seepferdchens.

  • Eine Umgewichtung von Stimmungen

  • den Nacken in ein Feld von Lavendel legen

  • & die Rehe und die Menschen, die bei ihnen stehen, wie eine freundliche Herde.

IV

  • Wahrscheinlich haben Frische und Erzählen mehr Gemeinsamkeit, als ich zu Beginn gedacht habe. Vielleicht geht es beim Erzählen immer auch um die Frage, wie wir von Frische erzählen. Wie wir Formen finden, die sich an Frische orientieren.
  • Es geht um das Verhältnis von Einzelheiten, oder, wie du gestern gesagt hast: um das Ephemere zwischen den Dingen.

V

  • Wir sehen dem Milan zu, der seine Kreise zieht, Schlaufen und Ellipsen und weite Bögen. Ob das seine Form des Schreibens ist? Oder ist Schreiben etwas, wonach einen nie verlangt, wenn man fliegen kann und sich von Luftmassen treiben lässt?

VI

  • Immer wieder blicken wir zu den Hügeln. Als würde sich auf diese Weise etwas an unseren Sätzen verändern.

VII

  • LOVE IS AN IVY, auch Zukunft ist ein Efeu, das nicht aufhört zu wachsen.
Die Basler Autorinnen Valerie-Katharina Meyer (*1988) und Julia Rüegger (*1994) arbeiten als literarisches Duo-Kollektiv und veranstalten szenische Lesungen. Sie erforschen kollaborative Schreibformen und Erzählmöglichkeiten, die sich von herkömmlichen Besitzansprüchen in Bezug auf Autor*innenschaft emanzipieren. Zudem initiieren sie poetische Formate im öffentlichen Raum, so etwa die Brunnenlesungen in Basel. 2025 erschien ihre erste gemeinsame Publikation «Und überlaut die Zikaden (edition mosaik). Ebenfalls 2025 erhielten sie für ihr aktuelles Schreibprojekt das Reconnect-Stipendium vom Kanton Basel-Landschaft.

Magazin für Hymnen Magazin für Hymnen Magazin für Hymnen

Entfaltungen

Alisha Stöcklin
20. Januar 2026
  • Die Falte wird nach zwei Richtungen, nach zwei Unendlichen differenziert.
  • Die Faltung der Materie und die Falten in der Seele.
  • – Gilles Deleuze, Die Falte

  • du flogst im schwarm, fliehst im netz
  • hängt dir noch ein gedanke an besseres
  • polster im nacken nagt der zweifel singt
  • lautlos, fast endgültig ein lied der enge
  • in die gefurchte stirn

  • niemand sieht dir in die falten der seele
  • und die berge rufen alle deinen namen

***

  • einen vollkommenen kreis in die luft
  • zeichnen weil sich etwas entschliesst
  • nachdem tieraugen auf dir ruhten

  • und so weiter
  • tag: ein / tag: aus

  • nach hause gehen
  • sich eine katze aufs herz legen
  • so beieinander anklopfen
  • nachdenken über atemvielfalt
  • die verklebten vorstellungen lockern

  • in einem buch blättern
  • das 800 gedichte trägt
  • von frauen über frauen
  • fallengelassen
  • aufgehoben
  • wieder an worte grenzen
  • nur noch ein wort als stütze
  • bis etwas übrig bleibt von dir

  • die kanten sorgfältig brechen
  • die krater füllen mit freundlichkeit und feenstaub
  • denn wo güte ist da ist auch magie
  • und die aus der asche stieg muss es wissen
  • denke ich und verliere derweil
  • ganz bewusst einen schuh
  • für die nächste

  • so gilt es parallelen zu ziehen
  • aus den schusslinien
  • bis ein quadrat möglich ist
  • dann ein querstrich für das vergessen
  • dann die dreiecke entnehmen
  • ein dach bauen gegen das vergessen

***

  • orion schnürt den gürtel enger
  • einen für alle
  • sirius verbellt die feinde
  • einen für alle
  • kassiopeia blinzelt buchstaben
  • einen für alle
  • und pollux weint
  • einer für alle
  • und die wagen rollen weiter
  • alle für einen
  • so als wäre nichts
  • dabei –
  • ist das alles

  • im dunkeln leuchten die sterne heller
  • eine einfache knotenlose form haben
  • diese binsen immerhin und in wahrheit

  • ist da keiner der dich nicht sieht
  • und rilkes torso sieht dich auch
  • durch das zentrum dieser einsicht
  • die nicht zu löschen ist
  • die nicht zu verschweigen ist
  • brichst du aus allen rändern
  • und siehst was zurückgeschraubt
  • so weiterglüht, so unerhört weiterglüht
  • dein schauen und dein trauern hält
  • bis ein lächeln geht wohin die zeugung trug
  • da im finstern stehen, sapiens
  • der durchsichtige sturz

  • in die zeit entstellt und relativiert
  • sind wir doch für uns allein
  • länger werden die schatten vernarbt
  • die verstrebungen zur vollkommenheit
  • bis nichts bleibt als ein sprung
  • zu jener mitte, die dich hält
  • ein sturm in der die frage tobt
  • im gänzlich abgewanderten haupt
  • wodurch dieser stein stünde
  • wodurch dieser stein bräche
  • splitter von schultern blieben
  • sehenswert der biss als raubbau
  • in der brust und durch die öffnung
  • die er schlug träte licht und das licht
  • blendete: nicht

  • es drehte sich leise ab
  • und es fiele
  • und es fällt auf die erde
  • auf diese körper
  • auf die angst
  • die sollbruchstelle
  • nur ein wunsch in der gunst
  • dieser sterne gewendet
  • wahr ist wohin sie führt
  • und der faden bleibt ein zug
  • im gewebe versteinert
  • eine wimper im auge
  • des abgrunds der schläft

  • niemals: jetzt: immer: künftig:

  • nimm was du nicht ändern kannst
  • und wäge es mit warmen händen

  • nimm dein leben
  • und lauf
Alisha Stöcklin (*1990) hat Philosophie und Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Sie ist seit 2018 Mitglied der Basler Lyrikgruppe, die das Basler Lyrikfestival kuratiert. 2012–2021 führte sie jährlich die von ihr wiederbelebten Poesietage durch und reaktivierte 2014 auch das Basler Poesietelefon, das sie seitdem betreibt. Nachdem sie zwischen 2018–2022 an einem Dissertationsprojekt zu Bildlichkeit und Negativität in der Gegenwartslyrik arbeitete, ist sie seit 2023 Konrektorin an der Berufsfachschule Gesundheit BL.

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WAS ZU TUN IST DABEI

Monika Rinck
19. Januar 2026
  • Dass ich weiter ausgreifen müsse. Dass die Arme,
  • nahezu kindisch, viel breiter ausgreifen müssten,
  • jede Hand ihr eigener Tunnel, durch den hindurch
  • ich mich verdoppelnd in die künftige Bahn schlüpf.
  • Und der Nacken muss lockerer liegen, auch tiefer.
  • Genauso der Kopf. Als würdest bergab du schwimmen.
  • Einen munteren Bergbach hinab. Steil der Abhang,
  • steil und aus Wasser, aber dennoch horizontal. Ruhe.
  • Ruhe und gleite und merke: Je langsamer du ziehst,
  • desto schneller schwimmst du. Das erst mal verstehen.
  • Dann um die eigene Achse die Hüften drehen. Und du!
  • Und du! Und du! So deuten die Hände, wenn sie breiter,
  • viel breiter ausgreifen, als ich einmal gedacht. Aha.
  • Und nicht aus der Schulter. Das ganze Blatt kommt ja mit.
  • Da, wo der Muskel an der Hüfte angewachsen ist, da. Da!
  • Genau da ziehst du mit. Den Schwung bekommst du woher?
  • Der Schwung kommt aus der Hüfte, wo just die Bewegung
  • ihren Anfang hernimmt. Die Hüfte zieht den Arm, der Arm
  • zieht den Atem und klappt ihn auf dem Heimweg wieder ein.
  • So. Und was die Beine so machen … jojojo. Was die Beine
  • so machen? Sie halten dich über Wasser, wie der Gedanke
  • an Paris. An die Aare. An Bern. An den Humboldthain.
  • An den Schwarzsee bei Kitzbühel. Den Kuckuckssee in MVP.
  • Den Pazifik. Den indischen Ozean. Die Donau, die Aare,
  • ach, ach, die Aare Again. Und ausatmen. Ausatmen. Aus.
Monika Rinck (*1969) hat 2024 ihren aktuellsten Lyrikband «Höllenfahrt & Entenstaat» (kookbooks) veröffentlicht. Rinck ist Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Sie erhielt unter anderen den Roswitha-Preis und den Kleist-Preis. 2024 hielt sie die Zürcher Poetikvorlesungen und 2025 hatte sie den DAAD Chair of Contemporary Poetics an der NYU inne.

Magazin für Nichtsnutze Magazin für Nichtsnutze Magazin für Nichtsnutze

Die Weihnachtswespe

Elias Hauck
18. Januar 2026
  • Mit letzter Kraft hat sie es noch
  • In unser Haus geschafft:
  • Es ist Uli, die Weihnachtswespe.

  • Ja, unser schönster Festtag war’s!
  • Doch wer kümmert sich um die Reste?
  • Es ist Uli, die Weihnachtswespe.

  • Uli, wie schön, sei unser Gast!
  • Toll, dass du überhaupt noch hierher gefunden hast
  • Du bist ja vollkommen dehydriert und unterzuckert
  • Jetzt wird hier erstmal einiges weggefuttert

  • Setz dich doch bitte hier
  • Auf die Carcasse von der Gans
  • Am Kopf der Tafel sitzt übrigens der Hans
  • Und hilft dir mit der Geflügeschere

  • Liebe Uli, schwirr herum
  • um den Baum von Manufactum

  • Du kennst den Hans nicht, den Hans von Späth?
  • Mit ihm hab ich einen Flugzeugabsturz überlebt!
  • Heut’ hat er uns die Gans zugenäht.

  • Liebe Uli, schwirr herum
  • um den Baum
  • von Manu
  • factu
  • m
Elias Hauck (*1978) ist der Zeichner des Comicduos Hauck & Bauer (Deutscher Karikaturenpreis in Gold 2024), ausserdem Drehbuchautor («Hallo Spencer – der Film», zusammen mit Tim Wolff und Jan Böhmermann), Trickfilmer (für BR und WDR) und Kinderbuchautor («Wo ist mein Kopf», empfohlen 2025 von der Deutschen Akademie für Lyrik und Sprache).

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Am Rande der Müh

Franziska Füchsl
16. Januar 2026
  • In den Schnellen und Wirbeln des Flusses, auf der von einer Brise gleichmäßig gezupften oder von einem Sturm unwirsch verspuckten, schäumenden Wasseroberfläche lockt Luzi, das Vexierspiel. Versuche ich, es an die Wand zu malen oder auf Papier zu bringen, erlischt es. Wo aber ein hinter die Zeit zurücksinkender Blick den Körper links liegen lässt und die Gedanken sich aufpeitschen und aufeinanderprallen, bekomme ich einen Schimmer von ihm, dem Ebenbild meines Denkens, meines von Taten und Pflichten zersprengten Wünschens. Luzi stachelt mich an, das Glitzern zu fangen, das Umspringen zu verhindern, das Licht in ein handfestes Funkeln zu sperren, auf einen Körper zu stoßen: fest aber formbar, edel aber ledig. Eine Fassung ließe sich gießen, eine Vitrine sich finden, der Gedanke sich ausstellen

  • Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Buch «Am Rande der Müh», das im Frühjahr 2026 in der Edition Thanhäuser erscheint.

Franziska Füchsl (*1991) lebt als «Hilfstschak dem Lesen», Schriftstellerin und (Über-)Setzerin in Wien und Kiel. In letzterem hat sie Sprache und Gestalt, in ersterem Philologie studiert. Sie ist Co-Herausgeberin von «Triëdere. Zeitschrift für Literatur und Theorie», und im Versatorium, Verein für Gedichte und Übersetzen, betreut sie den Druckraum Jahoda rund um eine bleitreibende Korrex Stuttgart.

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Ausreise

Rudolf Bussmann
15. Januar 2026
  • Wo kommst du her? Wo gehst du hin?
  • Wer bist du? Wie oft?

  • Wie schwer wiegt, was du mitnimmst?
  • Was lässt du zurück?

  • Mit wem bist du gewesen?
  • Wovon hast du geträumt?

  • Welche Frage hast du nicht gestellt?
  • Welche Feste hast du nicht gefeiert?

  • Wann kommst du wieder?
  • Als wer? – Weitergehen. Next please.
Rudolf Bussmann (*1947) ist Schriftsteller und Herausgeber. Er macht Schreibbegleitungen, leitet Lesezirkel, schreibt Romane, Kurzprosa, Aphorismen und Lyrik. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (ed. bücherlese 2019) und «Verheissenes Land» (ebd. 2024). Er lebt in Basel. www.rudolfbussmann.ch – mit einem Blog zur Poesie des Alltags.

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Die Frau des Gärtners

Michael Spyra
14. Januar 2026
  • Die Frau sieht ihren Mann am Baumstamm lehnen,
  • der dann beginnt die Arme auszustrecken,
  • um sich hinauf, zum ersten Ast zu dehnen,
  • zu räkeln und zum zweiten Ast zu recken,

  • der dann beginnt die Glieder zu verschlanken
  • Gefäße, Haut und Sehnen zu verengern,
  • um sich durch das Geäst empor zu ranken
  • und dann bis in die Krone zu verlängern,

  • die sieht ihn, sich auf diese Art verzweigen,
  • verästeln und auf immer neuen Wegen
  • zu wachsen, in das Dach des Baumes steigen,
  • und Ranken an die zarten Wipfel legen.

  • Die sieht ihn also treiben und betrachtet
  • sein Treiben ohne irgendeinen Nutzen,
  • entscheidet aber erst, als es dann nachtet,
  • ihn wieder auf sein altes Maß zu stutzen.

  • Den eingekürzten Gatten, der im Garten,
  • am Morgen bei den Bäumen steht, mit denen
  • er nichts zu tun hat, außer abzuwarten,
  • den sieht die Frau an einem Baumstamm lehnen.
Michael Spyra (*1983), geboren in Aschersleben, lebt mit seiner Familie in Halle (Saale), wo er als Lehrer und Literaturvermittler arbeitet. 2023 erschien der Gedichtband «In Auflösung begriffen» als roughbook im Verlag Urs Engeler. Im selben Jahr wurde er mit einem Arbeitsstipendium ausgezeichnet.

Magazin für Esszett Magazin für Esszett Magazin für Esszett

NIEMANDEM

Anna Frey
9. Januar 2026
  • Und wieder und
  • einmal mehr
  • bin ich noch hier.

  • Obwohl mich niemand darum gebeten hat, und
  • niemand bittet mich darum.

  • Ich entschuldige mich und
  • bleibe trotzdem.

  • Ratlos breche ich auf.
  • Niemand hält mich auf.
  • Die Spatzen in den Büschen gehören niemandem.

  • Die Zebrastreifen und der Schmutz
  • liegen mir zu Füssen.
  • Es öffnen sich mir die Türen, und
  • ich gehe hinein.
Anna Frey (*1987), geboren in Zürich, ist Rapperin und Lyrikerin. Mit der Band Anna&Stoffner sowie im Duo mit dem Gitarristen Florian Stoffner hat sie mehrere Tonträger veröffentlicht. Im Frühling 2023 erschien ihr Lyrikdebüt «SO EINE IST SIE», 2025 der Band «FEST», beide beim verlag die brotsuppe. Anna Frey lebt und arbeitet in Zürich und ist Mutter einer Tochter.

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das meer buchtet

Maria Marggraf
7. Januar 2026

I

  • es samstagt
  • ich wasche die spüle leer
  • bin eine sammelnde
  • der essensreste
  • im abflusssieb

  • kleiner kontrollgang:
  • die wohnung sonnt
  • die wohnung staubt
  • die wohnung zettelt
  • auf den tischen

  • der hund atmet
  • der hund haart
  • die bettdecke
  • noch zerwühlt
  • von meinem fortsein

  • ich streiche die falten glatt
  • wie dem hund das fell
  • lasse unterwolle
  • aus dem fenster segeln

  • ich kann papiere ordnen
  • ich kann zähne putzen
  • ich kann aber nur buchten
  • wenn du schreibst

II

  • gang über stein
  • an zwei leinenenden
  • der boden schrillt
  • von der straßenbahn
  • hitze verdickt die luft

  • ich bin eine
  • unter vordachschatten
  • weggeduckte

  • die häuser wachen
  • die fenster spiegeln
  • die bäume warten
  • menschen kreieren
  • vogelschwarmmuster
  • auf dem platz

  • ich kann wege ablaufen
  • ich kann schweiß tropfen
  • ich kann aber nur buchten
  • wenn du schreibst

III

als die stadt kühlt

  • halten wir länger aus in ihr
  • betreten weichen boden

  • das gras dörrt
  • die grannen kriechen
  • in das hundefell
  • papelflaum legt
  • sommerschnee
  • über grün

  • dort unten
  • an der böschung
  • flusst es
  • umrundet steine
  • gräbt gegen
  • die verbauung an

  • der hund hebt
  • die nase in den wind
  • ich kann mit ihm wittern
  • ich kann fährten aufnehmen
  • nur buchten kann ich erst
  • wenn du schreibst

IV

  • es nachtet
  • ich öffne die fenster
  • der hund schmeckt
  • die langsam laue luft
  • in ausgeleiertem
  • baumwollstoff
  • sitze ich auf dem bett
  • werde meerfahrende
  • nur in gedanken

  • das meer brandet
  • das meer blaut
  • das meer schäumt
  • an den wellenkronen

  • ich sitze da
  • ich sande
  • ich küstenschängle
  • hügle düne schilfe
  • lasse möwen fische
  • menschen muscheln
  • finden
  • ich weiße hell
  • ich breite mich aus
  • für alle die mich suchen

  • allein das meer buchtet
  • ganz für sich
  • ganz aus sich selbst

  • ich aber kann nur buchten
  • wenn du schreibst
Maria Marggraf (*1991) lebt in Basel. Produktion und Programmmitarbeit im Literaturhaus Basel sowie für das Lyrikfestival Basel und literarische Stadtführungen. 2022 erschien ihr Debüt «am morgen der schildkrötenpanzer» (Bübül Verlag). Der Text «Invasive Arten» erhielt einen Förderpreis der Wuppertaler Literatur Biennale 2024. 2026 wird der Lyrikband «ich ass dein kraut» bei pudelundpinscher verlegt.

Magazin für lyrischen Glamour Magazin für lyrischen Glamour Magazin für lyrischen Glamour

Volha Hapeyeva
5. Januar 2026
  • spazieren zu gehen
  • eine von der erde aufgehobene feder
  • in der hand zu halten    mit ihr
  • dem windwiderstand zu begegnen
  • ein vogel zu werden      im infinitiv
  • ist alles erlaubt
  • besonders sich auszuruhen
  • an dieser sprachbushaltestelle
  • ohne zeitformen ohne personen
  • um zu genießen
  • das unbegrenzte  das unbestimmte  das anfängliche
Volha Hapeyeva (*1982), geboren in Minsk, ist Lyrikerin, Autorin und promovierte Linguistin. Auf Deutsch erschienen u. a. die Gedichtbände «Mutantengarten» (2020) und «Trapezherz» (2023) sowie der Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber» (2024). Ihr Werk wurde in mehr als 15 Sprachen übersetzt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Seit 2020 schreibt sie auch auf Deutsch.

Magazin für Dynamik Magazin für Dynamik Magazin für Dynamik

X

Nathalie Schmid
3. Januar 2026
  • Ist es wirklich Mangel der dich definiert?
  • Mit dem Zeigefinger tastest du deinen Rippen entlang
  • als wären sie Gitterstäbe für Bedürfnisse
  • die tief im Körper wohnen von denen du denkst
  • du würdest sie nie los.

  • Wie sie mit ihren Ketten rasseln: Bestätigung
  • von Männern zum Beispiel oder vermeintliche Vollkommenheit.
  • Du lässt dir Haare am Körper verbrennen mit heissem
  • gebündeltem Licht willst endlich zu Gold spinnen was noch
  • riecht makellos und gefällig. Aber wirst du dabei

  • nicht immer starrer und blasser wenn du so gehst
  • und den Kopf nicht bewegst damit der Wind dir keine Strähne löst
  • damit dein Auge nicht tränt also die Farbe nicht verschmiert?
  • Diese Sehnsucht als hätte die Wildnis Mitgefühl
  • als könnten deine Arme Blitze schleudern.

  • Mangel allein formt noch kein Selbst. Also
  • brich Vorstellung um Vorstellung aus der Mauer
  • lege sie vor dir auf der Lichtung aus.
  • Betrachte sie genau. Sortiere:
  • Marktwert. Selbstwert.

  • Dann machst du eine Pause.
  • Legst dich zwischen die Frühblüher.
  • Schliesst die Augen.
  • Mit der Zeit lernst du zu regieren
  • ein Königreich - nicht weniger.
Nathalie Schmid (*1974) ist in Aarau geboren und lebt heute in Baden. Sie schreibt Lyrik und Prosa, zuletzt erschienen der Roman «Lass es gut sein» (2023) und der Gedichtband «Ein anderes Wort für einverstanden» (2025). Für ihre Texte hat sie verschiedene Auszeichnungen und Stipendien erhalten, u. a. den Atelieraufenthalt Berlin des Aargauer Kuratoriums (2024).

Magazin für Wortklaubereien Magazin für Wortklaubereien Magazin für Wortklaubereien

das lied

Ariane von Graffenried
1. Januar 2026
  • ich bin das lied
  • das sich erfindet

  • hush! pscht.
  • born im bouche.
  • muu. mouthart.
  • o mundart!
  • laut und alt
  • in a new coat
  • of paint.
  • mau neubaublue
  • mau genderpriestpink
  • mau mehrstimmmarine.
  • pas de stress
  • i’m just a song
  • ich komm
  • iz obojenih usta
  • i travel
  • senza passeport
  • à travers l’air illimité.

  • ich bin das lied
  • ich bin der halt

  • tattooed
  • from top to toe.
  • ich bin die fresse
  • mit den flügeln
  • qui chasse
  • i tuoi sentimenti
  • caressing them gently
  • dann ess’ ich sie auf.
  • ata prehen në mua
  • si sedimente
  • drum pleursch geng
  • wed mi ghörsch.

  • ich bin das lied
  • ich bin der laut

  • pretty in drag
  • the naughty dog
  • in lambskin.
  • je suis die
  • zungendepression
  • ein mundfell
  • voll gezinkter shores
  • zerkratzer colonies
  • the continental quilt
  • als frack mit
  • blauen flecken.
  • hörst du die blasen
  • an den füssen
  • von den stakkatotänzen
  • den kämpfen
  • від опору
  • und memoria?

  • ich bin das lied
  • mit riss im klang

  • dr wagglig shadow
  • im schlepptau.
  • in my cracks swing
  • le monde perdu
  • and the new galaxie.
  • je veux que tu me cherches
  • que tu me chantes
  • s ljubavlju
  • et résonance
  • pa mbetur jashtë
  • iz orkestra.

  • ich bin das lied
  • das dich findet

  • io sono
  • la fiamma
  • in your throat
  • the fire
  • dans ton cul
  • je brûle
  • under your nails
  • forget die feuerwehr
  • des wortgewerbes.
  • spitz dini öhrli
  • sail and graze
  • in me
  • sing me.
Ariane von Graffenried (*1978), geboren in Bern, ist Schriftstellerin und promovierte Theaterwissenschaftlerin. Sie ist Mitglied der Autor*innengruppe Bern ist überall und tritt als Spoken-Word-Performerin im Duo Fitzgerald & Rimini auf. Zuletzt erschien «Ennetlands», eine Schallplatte mit ihren vertonten Gedichten (Der gesunde Menschenversand 2025). Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Magazin für Gedichtbedarf Magazin für Gedichtbedarf Magazin für Gedichtbedarf

nur davon wolltest du nichts überhören:

Barbara Hundegger
4. Dezember 2025
  • nur davon wolltest du nichts überhören: wie es zu deiner
  • erhörung durch betörung kam | von der ufer-ruhe deines
  • ersten wassers | dem propeller deines ersten fluges | vom
  • gehörigen hall deines ersten echos | dem lachenden dach
  • unter menschen die: glücklich sind | den songs: die ganze
  • jahre enthalten weil sie wie herzschlag in dich eingepulst
  • sind | dem bestimmten ton von gedichten die den kosmos
  • auftun: als stern-zeichen sind sie geschrieben in dir | vom
  • kakaoleisen schlafatem deines duftenden kindes und dem
  • klang des ganges an dem du auch von weitem kennst dass
  • die liebe zu dir kam: du kannst dich nicht satthören daran

  • Aus: [in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis], haymon verlag 2023.

und frauen frauen frauen

  • . . .

  • und frauen frauen frauen gegen die
  • immer wer seine anklagerede führt:
  • herab von kanzeln thronen podien
  • wird ihnen verboten sich mit bloßer
  • brust zu wehren weil das schamlos
  • sei | man fotografiert sie dabei | und
  • nur nach krisen schwächen großer
  • ohnmacht lässt man das zu: frauen
  • oben über sich | und nur eine frau
  • wird dir raten dich so auszuruhen

  • . . .

  • Aus: wie ein mensch der umdreht geht – dantes läuterungen reloaded, haymon verlag 2014.
geb. 1963/Hall in Tirol; Auszeichnungen u.a.: Österreichischer Kunstpreis Literatur 2021, Tiroler Landespreis 2020, Anton-Wildgans-Preis 2014, Outstanding Artist Award 2011, Christine-Lavant-Preis 2003, Reinhard-Priessnitz-Preis 1999; Zuletzt: «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]»/2023, «[anich.atmosphären.atlas]»/2019. Trägerin des Basler Lyrikpreises 2026.

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